Meine kleine Welt | Spielstunde 2.0 | Kantálin - Legende eines zeitlosen Volkes

              

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Prolog:

Regen lag über der Landschaft, soweit das Auge reichte, weichte die Felder auf und ließ Flüsse über die Ufer treten. Mitten in diesem endlosen Nass stand eine Frau, deren Alter unmöglich zu bestimmen war. In ihrem Gesicht mischten sich Jugend und Reife, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ein Mantel aus Regenbogenlicht umgab sie, an dem die Regentropfen einfach abperlten.

Sie sah in den Himmel und flüsterte: „Bitte, lass mich ihn spüren. Nur dieses eine Mal.“ Schluchzend sank sie auf die Knie und schlug ihre schmalen, feingliedrigen Hände vors Gesicht. Pechschwarze Haare lagen wie ein Schleier um sie herum im Schlamm, aber auch sie blieben von der Nässe der Luft und des Bodens unberührt.

Als sie hinter sich Schritte hörte, sprang sie auf. Der Mann, genauso alterslos wie sie, mit dem gleichen schwarzen, allerdings kurz geschnittenen Haar war vom Regen ebenso unberührt wie sie. Die Panik verschwand und seufzend sackte sie wieder in sich zusammen. Als hätte sie die Kraft verloren, aufrecht zu stehen.

Als der Mann eine Hand nach ihr ausstreckte und sanft über ihre Wange strich, zuckte sie zusammen, wartete auf einen Schmerz, der nicht kam. Langsam klärte sich ihr Blick.

„Thaila, du weißt doch, dass der Regen nass und kalt ist. Nichts, das man sich wünschen sollte, zu spüren.“ Der unergründlich Blick des Mannes lag auf ihr, seine Hand noch immer an ihrer Wange, dunkle Haut an bleicher.

„Nur der Regen kann den Schmerz von mir nehmen. Die reinigenden Tropfen auf meiner bloßen Haut, das Gefühl der Nässe, die meinen Körper in Besitz nimmt. Ich komme um in dieser Trockenheit, in der wir leben.“ Verzweifelt griff sie nach seiner Hand, klammerte sich daran fest.

„Es ist ein Geschenk. Jeder Mensch meidet den Regen, sucht Schutz vor ihm. Wir können uns glücklich schätzen, dass wir uns nicht vor ihm verstecken müssen. Ist dir entfallen, dass wir uns genau deshalb vor den Menschen verstecken müssen? Damit sie nicht sehen, dass uns der Regen nichts anhaben kann. Sie wären neidisch.“

Er würde es nie verstehen. Langsam löste sie ihre Hand aus seiner, trat einen Schritt zurück, damit er seine Hand von ihrer Wange nahm. „Sie hassen uns, weil wir schön sind“, sagte sie tonlos. „Nein, weil du außerhalb der Zeit stehst. Die Menschen können dich nicht fassen. Du siehst aus wie ein junges Mädchen und gleichzeitig wie eine erwachsene Frau. Sie fürchten uns, so wie sie alles fürchten, das sie nicht kennen.“ Der Mann streckte bittend seine Hand nach ihr aus, der Thaila aber auswich. Sie schüttelte den Kopf, die Verzweiflung lies ihre Stimme brechen.

„Warum hast du mich dann mit hierher genommen? Warum hast du mir die Menschen gezeigt, wenn sie uns hassen? Uns weh tun.“

„Sie fürchten uns, sie beneiden uns sogar. Sie wären auch gerne vor der Zeit geschützt, doch gleichzeitig fürchten sie sich auch davor. Ich wollte, dass du das lernst. Und dann warst du plötzlich weg. Ich wusste nicht, dass der Begleitschutz der Térrigo nur für mich gilt.“ Der Mann sah dem Mädchen um Verzeihung bittend in die Augen. Doch sie wich seinem Blick aus. Es war seine Schuld, dass sie diesen Schmerz erleiden musste.

„Bitte, Vater. Ich will nur den Regen spüren. Diese Trockenheit ist unerträglich. Der Regen wird den Schmutz abwaschen.“ Sie sprach leise, in jeder Silbe steckte ihre Qual. Sie ging einen letzten, verzweifelten Schritt auf ihn zu.

„Kleine Thaila, was haben sie dir nur angetan?“ Langsam schien er zu begreifen, was geschehen war. Sein Gesicht wurde bleich. Thaila atmete zitternd aus, ehe sie ihren Mantel zurückschlug. Dann öffnete sie ihre Bluse. Vorsichtig. Um die wenigen Knöpfe, die ihr Angreifer nicht schon abgerissen hatte, nicht auch noch zu verlieren. Ihr vollkommener Körper war übersät von blauen Flecken und roten Striemen. Sie konnte selbst nicht fassen, dass dies ihr Körper war.

„Er hat mich geschlagen. Mich getreten. Mich berührt. Er hat mir beinahe alle Kleider vom Leib gerissen. Und dabei hat er gelacht und meine Schönheit bewundert.“ Ihre Stimme zitterte und drohte zu brechen. Nur mühevoll kamen die Worte über ihre bebenden Lippen. Die Erinnerung an die Demütigung kam wieder hoch. Er hatte sie behandelt wie ein Tier. Hatte sie nehmen wollen, als hätte sie keinen eigenen Willen. Sie schlug sich die Hand vor die Augen, um die Bilder zu vertreiben.

Als sie wieder aufsah, lag Bedauern in den Augen ihres Vaters. Er streckte eine Hand aus, lies sie dann aber wieder fallen. Sie spürte seine Hilflosigkeit. Gerade jetzt, als sie Hilfe so dringend nötig hatte.

„Hat er dich...?“

Seine Stimme klang rau und voller Mitleid und wurde zu einem tonlosen Flüstern, das Ende des Satzes konnte er schon nicht mehr aussprechen. Er hatte Angst vor der Antwort. Sie schüttelte langsam den Kopf. „Nein, soweit kam er nicht. Er hat mich nur äußerlich beschmutzt. Ich hatte Glück. Es kamen Bauern den Weg entlang und haben ihn vertrieben.“ Thaila schloss die Augen und fühlte wieder die kalten Hände des Mannes auf ihrem Körper. Er hatte sie begehrt und weil sie sich gewehrt hatte, hatte er sie fast bewusstlos geschlagen. Doch kurz bevor er in sie eindringen konnte, hatten die Bauern ihn abgelenkt und Thaila hatte fliehen können. Sie war gerannt, bis sie schließlich das Feld erreicht hatte. Sie schüttelte den Kopf, krümmte sich zusammen. Presste sich die Hände auf die Ohren. Sie wollte das hässliche Lachen des Mannes nicht mehr hören, wollte ihren Geist davor verschließen. Wollte sterben.

Eine Hand legte sich auf ihre Schulter. Sie sah hoch und blickte in das schuldbewusste Gesicht ihres Vaters.

„Die Térrigo schickten mich hierher, nachdem ich sie gebeten hatte, dich zu suchen. Ich habe dir doch gesagt, du sollst nicht von meiner Seite weichen.“

„Ich weiß, Vater, ich weiß; es ist egal, aber bitte, mach, dass ich den Regen spüren kann, nur für einen Moment“ Sie sah ihren Vater flehend an, während ihre Finger den Mantel wieder schlossen, den zerschundenen Körper versteckten, der nur einen Bruchteil der Qual zeigte, die auf ihrer Seele lastete.

„Das kann ich nicht, Thaila, so weit reicht meine Macht nicht. Ich kann dir den Schutzschild nicht nehmen. Er gehört zu unserem Volk. Er ist unser Geschenk. Er schenkt uns die Zeitlosigkeit. Und leider hält er auch den Regen von uns fern.“ Er ging einen Schritt auf sie zu und umschloss sie sanft mit seinen Armen.

Verzweifelt barg sie ihren Kopf an der Schulter ihres Vaters, einem Wesen ihrer Art, einem Kantálin, den sie ohne Schmerz berühren konnte.

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